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Von Iris Lemanczyk
Primitive Hütte oder Fünf-Sterne-Hotel in der WildnisSieben Tage unterwegs mit Skiern, Zelt und Hundeschlitten im Femundsmarka – und Rogennationalpark
Es ist kalt. Eisig kalt. Das Thermometer zeigt minus 20 Grad. Die Schneespur führt schnurgerade über den zugefrorenen Femundsee. Viele hundert Meter entfernt ist gerade noch ein Hundeschlitten auszumachen. Darauf sind Zelt und Verpflegung für sieben Tage deponiert. Zu viert eine Woche unterwegs auf Skiern, mit einem Hundeschlitten und einem Zelt, durch den norwegischen Femundsmarka- und den schwedischen Rogen-Nationalpark. Diese Expedition bietet Georg Sichelschmidt, der Veranstalter von Quanok-Reisen an. Die Touren gibt es nur im Frühjahr – wenn schon ausreichend Tageslicht vorhanden ist und die Temperaturen nicht mehr ganz so schrecklich tief im Minusbereich liegen.
Die Hunde sind heiß. Sie wollen nur eins: laufen, laufen, laufen. Sobald der Anker, der neben dem Schlitten in den Schnee gerammt ist, gelichtet wird, gibt es für sie kein Halten mehr. Auf dem zugefrorenen See mit der Schneescooter-Spur scheinen die sieben Huskies nur so dahin zu fliegen. Die Skilangläufer, selbst wenn sie noch so gut trainiert sind, haben nicht den Hauch einer Chance mitzuhalten. Wie langsam keuchende Dampfloks, im Vergleich zu schnellen ICE‘s durchqueren sie die weite, weiße Ebene mit den Markierungen. Vier Teilnehmer gleiten auf ihren Langlaufskiern ähnlichen Brettern dahin. Sie sind zwischen 30 und Mitte 40, alle erfahrene Skiläufer. „Das ist jedoch bei der Tour keine Voraussetzung. Die Skier sind breiter als Langlaufski und mit Stahlkanten versehen. Es ist leicht damit zu fahren. Außerdem ist das Gelände hier nicht allzu schwierig. Somit eignet sich die Strecke sogar für Anfänger“, meint Sichelschmidt, ehemaliger Sport- und Betriebswirtschaftsstudent, dem zuzutrauen wäre, einen Hundeschlitten auch allein zu ziehen.
Das Eis auf dem Femundsee ist über einen Meter dick. Die Temperatur lädt überhaupt nicht zum Verweilen ein. Trotzdem ist Eisfischen ein beliebtes Hobby der Norweger. Abseits der Scooterspur bohren die Fischer mit einem überdimensionalen Bohrer ein Loch in die Eisdecke, hocken geduldig – und dem Anschein nach ohne zu frieren - am Eisloch, auf einen guten Fang hoffend. Der See ist 70 Kilometer lang, doch nach neun Kilometern biegt die Gruppe in einen lichten Birken-, Fichtenwald ab und in den Nationalpark ein. Da – Spuren. Viel zu groß für Rentiere. „Das müssen Elchspuren sein. Davon gibt es hier viele“, meint Sichelschmidt. Schon auf der Straße von Oslo gen Westen gibt es ständig Verkehrsschilder, die vor Elchen warnen, die die Straße überqueren wollen. Während der nächsten Pausen schauen sich alle voller Hoffnung um. Vergebens. Von Elch nur eine Spur. Durch den Wald geht es hoch ins Fjell, also über die Baumgrenze. Der Wind nimmt zu. Wind, Wind, Wind. Er schafft herrliche Schneeformationen, die mal an Dünen, mal an Wellen erinnern. Das Gute an diesem Wind: Er kommt von hinten. Die Skilangläufer gelangen ohne große Anstrengung, dafür sehr zügig den Berg hinauf. Wie von einem unsichtbaren Schlepplift gezogen. Leider wechselt Sichelschmidt oben auf der Hochfläche die Richtung. Der Wind dagegen bleibt bei der seinen. Nun bläst er mit aller Macht von der Seite in die Gesichter. Einen Stockeinsatz zu machen, erscheint fast unmöglich. Wind, Wind, Wind, weiter, weiter, weiter. Die Hunde stemmen sich mit aller Kraft gegen ihn. Die Menschen auch. „Hält der Schlafsack bei den Temperaturen wirklich warm?“, fragt Andrea, eine der Teilnehmerinnen aus dem Erzgebirge, skeptisch, als das Zelt aufgebaut wird. Das Tagessoll ist abgewandert, die Nacht im Zelt steht bevor. Während Sichelschmidt die Hunde ausspannt, versucht er seine Kundschaft zu beruhigen. „Der Winterschlafsack ist eigens für solche Temperaturen entwickelt.“ Etwas besänftigt, aber doch sehr gespannt warten alle auf ihre erste Winterzeltnacht.
Die Hunde dagegen scheinen zufrieden – und genügsam. Devlin, Tundra, Taiga, Varg, Keiko, Björk und Odin bekommen nur einmal am Tag zu fressen, eine Mischung aus Wasser und Trockenfutter. In Windeseile schlingen sie ihre Tagesration runter. Danach rollen sich alle ein, manche kuscheln sich aneinander, andere bevorzugen, alleine zu liegen. Jedenfalls überstehen sie so jeden Schneesturm und noch so arktische Temperaturen. Die Hunde haben auch nicht mit feuchten Socken und kalten Füßen zu kämpfen. Socken, Handschuhe, Mütze, Shirt – alles was am nächsten Morgen warm und trocken sein soll, stopfen die vier in ihre Schlafsäcke. Die Körperwärme soll alles trocknen. Um sechs Uhr abends gibt es nur noch für Sichelschmidt etwas zu tun. Für alle anderen heißt es: ab in die Schlafsäcke. Es wird Tee ausgeschenkt – quasi direkt ans Bett. Während alle gemütlich die Glieder im warmen Schlafsack ausstrecken, beginnt Georg Sichelschmidt mit den Vorbereitungen fürs Abendessen. Auf einem Petroleumkocher wird Schnee geschmolzen, zum Kochen gebracht, das Wasser in den Beutel mit der Trekking-Nahrung geschüttet, gut umrühren, zehn Minuten ziehen lassen – fertig ist der Jägertopf, der lukullische Höhepunkt des Tages. Draußen bläst der Wind, rüttelt an den Zeltstangen. Stirnlampen sorgen für eine irreale Atmosphäre. Die Tagesbilanz lautet: von 9 bis 17.30 Uhr unterwegs, drei nicht allzu lange Pausen und 29 Kilometer zurück gelegt.
Doch nun beschäftigt die Gruppe ein ganz anderer Gedanke. Was, wenn man nachts raus muss? „Ist schon ein bisschen unangenehm und kostet Überwindung, sich aus dem warmen Schlafsack zu schälen. Dann muss halt alles sehr schnell gehen. Schaut bitte, dass ihr auf dem Rückweg keinen Schnee ins Zelt bringt“, meint Veranstalter und Guide Sichelschmidt als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Alle verkneifen sich daraufhin einen weiteren Becher Tee. Nicht alle Socken sind am nächsten Morgen trocken. Warm werden die Füße erst, wenn man wieder unterwegs ist. Die Aussicht, die nächste Nacht in einer kleinen Hütte zu verbringen, sorgt bei der Gruppe für gute Laune. Und wenn es der Instantkaffee nicht schafft, werden allein durch die Vorstellung die Lebensgeister geweckt. Jeder ist mal an der Reihe den Hundeschlitten zu lenken. „Hey Devlin“ lautet das Kommando für den Leithund Devlin, wenn's losgehen soll, „sto“ für halten. Sichelschmidt marschiert voraus, sodass die Hunde nur stur der Spur folgen müssen. Dadurch ist das Lenken einfach. Kilometer für Kilometer geht es zwischen „hey Devlin“ und „sto“. Die Hunde sind geboren, um zu laufen. Bei jedem „sto“ ist es schwer, den Anker in den Schnee zu rammen. Geht es durch Birken- oder Nadelwald wird das Lenken kniffliger. Durch Gewichtsverlagerung muss der Schlitten um die Kurven gebracht werden.
Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor, die Landschaft verwandelt sich in eine glitzernde, weiße Märchenwelt. Würden Trolle und ein paar Elche winken, niemand wäre erstaunt darüber. Aus dieser Märchenwelt geht's mitten rein ins Paradies. Eingebettet in einer windgeschützten Mulde liegt die Mullerbua-Hütte - mit viel Brennholz davor, das nur noch gesägt und gespalten werden muss. Hütten wie diese gehören dem norwegischen Staat. Die Einrichtung ist spartanisch. Es gibt Matratzen, Tisch, Stühle, Besen, Kerzen, Überweisungsformulare für Übernachtungsspenden und eben den Ofen, der dafür sorgt, dass nicht nur all die feuchten Habseligkeiten trocknen können, sondern verhilft auch zu einem warmen und gemütlichen Abend. Die einsame Selbstversorgerhütte wird zum Fünf-Sterne-Hotel. Manchmal braucht es wenig, um zufrieden zu sein. Reduzierung aufs Wesentliche.
Ans Waschen denkt niemand. Keiner aus der Gruppe hat ein Handtuch dabei. Zähne putzen ist das Höchste der Hygieneansprüche. Alle vier stinken schlimmer als die Moschusochsen, die es hier geben soll. Doch das stört niemanden. Die zotteligen, schwarzen Moschusochsen schon gar nicht, die bleiben genauso unsichtbar, wie die Elche. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, denn die Kolosse wiegen zwischen 250 und 440 Kilo, sind bis zu 60 Stundenkilometer schnell und mögen es überhaupt nicht, wenn man ihnen zu nahe kommt. Die Sicht ist mies. Ein Stapfen ins Nichts. Sichelschmidt voran. Wie er sich orientiert, bleibt ein Rästel. Weder Kompass noch Karte sind in dieser nebligen Einheitssuppe nützlich. Trotzdem führt er zielsicher. Endlich, nach Stunden, wird die Sicht besser. Die Spur zieht sich über der Baumgrenze. Unten breitet sich die gesamte Tour der letzten Tage aus – die bewaldeten, sanften Hügel, die hohen Berge, die endlosen Seen. Einsamkeit, Weite, Natur. Ein paar hundert Meter entfernt, sind Rentiere zu erkennen. Eine ganze Herde zieht bergauf, weg von den Eindringlingen in ihr Revier. In der letzten eiskalten Nacht, mit deutlich weniger als minus 20 Grad, schaffen es Schlafsack und Daunenschuhe nicht mehr, die Füße zu wärmen. Alle warten sehnlichst aufs Morgenrot. Bewegung tut gut. Draußen herrschen blauer Himmel und Eiseskälte. Der Schnee knirscht. Die Hunde begrüßen jeden schwanzwedelnd, begierig auf den nächsten, den letzten Streckenabschnitt. Seen, Hügel, lichter Wald. Bereits vertraute Landschaft, absolute Stille. Es liegt ein besonderer Reiz in dieser fast menschenleeren Gegend. 135 Kilometer hat die Gruppe in sieben Tagen zurück gelegt. „Das war mehr, als ich geplant hatte“, räumt Sichelschmidt ein. „Je nach Kondition der Gruppe suche ich die Strecken aus. Es kommt öfters vor, dass ich unterwegs umdisponieren muss.“ Trotz Kälte, feuchter Socken, schlechter Sicht und eisigem Wind sind sich alle einig: Ein Zauber wird bleiben. Auch ohne Elche, auch ohne Trolle. Iris Lemanczyk (il)
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